Übertrieben oder nicht? Internet-Sucht als neue Sucht?
September 29th, 2011 by Frank Obels
Okay, zum Thema Süchte kennen wir einiges: Rauchen, Alkohol, Sexsucht, Spielsucht, ja sogar Todes(sehn)sucht – nun lese ich bei golem.de wieder mal etwas zum Thema Internet-Sucht.
Dort wird beschrieben, dass es offensichtlich ernüchternde Ergebnisse im “Kampf” gegen die Online-Sucht gibt.
Okay, dann habe ich da mal eine Frage an Dich!
Was ist Internet- oder Online-Sucht?
Im Beitrag auf golem.de kann man erfahren, dass sich “gehirntechnisch” eine Drogensucht nicht sonderlich von einer Internetsucht unterscheidet. Und dann kommt eigentlich das wahrhaft Ernüchternde. Alles, was wir schulmedizinisch zu bieten haben, ist eine verhaltenstherapeutische Behandlung.
Zur Erklärung: eine Verhaltenstherapie ist langwierig und verfolgt das Ziel, ein bestimmtes Verhalten zu ändern.
Auch wenn das der Schulmedizin natürlich nicht sehr angenehm ist: die Erfolgsquoten von Verhaltenstherapien sind eher bescheiden.
Denn tatsächlich wird ja der Grund, aus dem heraus das Suchtverhalten entstand, nicht gefunden und “erlöst”.
Was kennzeichnet tiefenpsychologisch eine Sucht?
Tiefenpsychologisch und sogar spirituell betrachtet ist eine Sucht eine Fluchtverhalten, fast immer unbewusst und häufig die Flucht vor einem angenommenen Schmerz. Und da hilft es nun einmal mehr, den Grund zu finden und ihn aufzulösen.
Gott sei Dank verstehen dies immer mehr Therapeuten und auch schulmedizinische Ärzte.
Sind wir heute nicht alle internetsüchtig?
In dem Beitrag ist von 560000 Online-Süchtigen in Deutschland die Rede. Darf ich mal lächeln? Wenn ich mir die Benutzer von Smartphones, Tablets, Sozialen Netzwerken und anderen Online-Errungenschaften anschaue, dann scheint mir eher, dass der weltweit grösste Teil der modernen Menschen “online-süchtig” ist.
Viele Seminarteilnehmer, die ich besonders auf grossen Veranstaltungen beobachte, schaffen es ja nicht einmal einen Tag ohne Handy, Smartphone oder “Tablet” zu sein – in jeder Pause hechten sie nach Draussen und lesen und kommunizieren, als wären sie auf Entzug!
Wo ist da der Unterschied zu echten Online-Süchtigen?
Ich glaube, es gibt da eine riesige Dunkelziffer und wie immer auch ein Abgrenzungsproblem.
Was mich interessiert
Da mich dieses Thema natürlich sehr interessiert, würde ich mich freuen, wenn Du mir sagen könntest, ob Du Internet-Süchtige kennst oder eine andere Form starker Sucht-Symptome. Rauchen und Alkohol klammere ich dabei mal aus.
Gibt es wirklich so viele Suchterscheinungen? Ich weiss es nicht und würde mich deshalb freuen, wenn Du mir erzählst, ob Du jemanden kennst oder eben auch niemanden kennst.
Ist das Thema “Süchte” nach Deiner Meinung ein wichtiges Thema?
Würdest Du Dir mehr Informationen dazu wünschen, beispielsweise, welche alternativen Vorgehensmodelle es gibt?
Machst Du mit?
Dann schreib doch bitte einfach einen Kommentar und schildere Deine Wahrnehmung.
Ich danke Dir im voraus!
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6 Kommentare zu diesem Beitrag!

Lieber Frank,
ein interessantes Thema, das Du hier in den Raum wirfst. Das spricht mich gerade sehr an und ich möchte Dir gern meinen Blickwinkel dazu da lassen:
Sucht ist meist ein Verhalten der Kompensation. Ein Bedürfnis wird durch ein anderes ersetzt. ..und bei der sogenannten Internetsucht würde ich nicht vermuten, dass die Menschen süchtig nach “Internet” sind, sondern nach dem was dort zu finden und zu erhalten ist.
Nach meiner Meinung könnte das vielleicht Information sein. Und im Hinblick auf die steigenden Zahlen von SocialMedia denke ich, dass auch das Beddürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung ein häufiges Motiv dafür sein könnte, dass Menschen das Internet so gern nutzen. (vermutlich gibt es auch noch weitaus mehr gute Gründe).
..und ja! Ich finde es auch toll, dass ich jetzt mit Dir kommunizieren kann, obwohl ich im Isartal und Du viele hundert Kilometer von mir entfernt bist. Durch die Möglichkeiten des www bin ich nicht auf Austausch mit den Menschen in meinem Wohnort begrenzt und kann auch mit Menschen in aller Welt Gedanken tauschen.
Alles verändert sich ständig. Auch die Gesellschaft und damit das Verhalten der einzelnen Mitglieder.
…und so wie ich diese Herausforderung verstehe, gilt es für jeden, einen guten Weg in der (eigenen?) Mitte zu finden.
Danke für die gute Inspiration und Anregung zum Nachdenken.
Ich wünsche Dir einen sonnigen und angenehmen Tag.
Besser und besser,
Gaba
Meine Meinung ist zwar nicht objektiv, denn ich arbeite im Netz und lebe mittlerweile zu fast 100% davon – ohne Internet würde ich also pleite gehen – ist das auch eine Form von Sucht?
Ich kenne allerdings durchaus Leute, die man als Internetsüchtig beschreiben kann. Einer davon spielt stundenlang Ballerspiele im Netz, ich denke er kompensiert damit einfach sein Bedürfnis, mit der Keule in der Hand seine Höhle verteidigen zu können.
Das muss er heutzutage nämlich nicht mehr, körperliche Stärke und Männlichkeit sind in unserer Gesellschaft nicht mehr so notwendig – also sucht er sich eine Welt in der das noch zählt. Und die findet er halt online.
Auch Menschen, denen es an Aufmerksamkeit mangelt flüchten sich oft ins Web. Dort finden sich immer Menschen die zumindest den Anschein erwecken zuzuhören – und wenn man noch so viel Mist labert.
So gesehen ist das Netz nur eine Möglichkeit, sich in eine andere Welt zu flüchten. Durch die Flexibilität des Mediums Internet und seine Möglichkeiten praktisch beliebig viele Welten zu erschaffen, wird das sicher auch noch schlimmer werden.
Viel mehr Menschen sind, meiner Beobachtung nach, allerdings Handysüchtig. Das merkt man immer dann, wenn die Diskussion auf die möglicherweise gesundheitsschädigende Wirkung von Elektrosmog kommt.
Da verteidigen dann plötzlich alle derart verbissen ihr Handy, das eine Diskussion meist gar nicht möglich ist. Das ist teilweise nackte Angst, die da zum Vorschein kommt.
Gerhard
Hallo Frank,
zwar hast du das Rauchen ausgeklammert, doch mir kam spontan ein Satz zum Thema: “Wie stark ist deine Sucht?”.
Da war nämlich die Rede davon, dass manche Raucher schon auf der Bettkante oder noch im Bett liegend die erste Zigarette anzünden, andere gleich vor dem Frühstück und welche innerhalb der ersten halben Stunde ihres wach seins.
Die einfache Gleichung lautete: Je früher am Tag derjenige zur Kippe greift, desto stärker ist die Sucht.
Analog könnte man es ja auch sehen, wie lange es jemand aushält, ohne seine Mails oder SMS zu checken oder “nur mal schnell” eine zu versenden.
Wie lange bleibt der Computer aus, bevor derjenige unruhig wird?
Um auf deine Fragen zurück zu kommen:
Süchte jeder Art sind scheinbar weit verbreitet. Ich würde gerne im Feel-better-Blog was dazu lesen!
Angela
Lieber Frank,
eine interessante Diskussion eröffnet sich hier und seitdem immer mehr Menschen die Möglichkeit suchen und auch finden, sich über den Begriff der “Sucht” von ihrem undiszipliniertem Verhalten freizukaufen, habe ich mich versucht ein wenig mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Damit steht meine These dazu auch schon im Raume …
Grundsätzlich sehe ich drei Arten der Sucht: 1. eine unmittelbar den Körper zerstörende, wie z. B. durch Alkohol und andere Substanzen, die dem Körper zugefügt werden; 2.Verhaltensweisen, die dazu führen, sich dem normierten (gesellschaftlich tradierten Verhaltensweisen) zu entfernen (z.B. die sog. Internetsucht) und schließlich 3. eine Art entschuldigende Sucht, die respektloses Verhalten anderen gegenüber rechtfertigt(sog. Sexsucht, etc.).
Erstere beginnt meist mit einem respektlosen Verhalten, sich selbst und seinem unmittelbarem Umfeld gegenüber und endet oft in einer Tragödie der Selbstzerstörung. Meiner ganz persönlichen Meinung nach, die selbstverständlich nichts mit Fachwissen zu tun hat, ist diese Sucht als eheste mit dem Bild “Krankheit” zu bewerten.
Bei der Internetsucht bin ich leicht differenzierter Meinung, denn vielleicht versuchen diese Menschen ja einfach nur, eine neue Art der Kommunikation zu finden und aus Angst, da nicht mithalten zu können, werden diese Menschen per Definition “Sucht” von den anderen “normalen” Menschen ausgegrenzt. Und Andersartigkeit hat schließlich schon in vielen Situationen dazu geführt, dass Menschen ausgegrenzt wurden.
Die dritte Art der Sucht sagt nach meiner Ansicht vielmehr über den “Süchtigen” selbst aus, der damit eine wunderbare Entschuldigung für sein eigenes Fehlverhalten finden kann. Mit dem Feigenblatt Sexsucht gibt es schließlich eine fantastische Entschuldigung, um sein Umfeld weiter verletzen zu können. Diese Art der Sucht findet sich wahrscheinlich auch in den Anfangsstadien der anderen beiden Arten der Sucht, nur hier wird sie das Mittel zum Zweck.
Insofern ist Dein Wort des “Fluchtverhaltens” in meinen Augen der passendere Ausdruck des Verhaltens für alle drei der von mir beschriebenen Arten der Sucht.
Die Flucht aus der Verantwortung steht dem Verhalten dabei Pate!
Und auch bei dem Ansatz, der danach fragt, ob eine solche Flucht druch eine manipulative Verhaltenstharapie – denn nichts anderes ist es – zu beeinflussen ist, stimme ich Dir zu. Genauso würde auch ich viel lieber danach fragen, warum die Flucht angetreten wurde um dieses Phänömen zu lösen!
Guten Morgen,
kommt es nicht, wie bei allen weltlichen Dingen, auf das Maß an?
Wenn ich das Internet als Nachschlagewerk sehe und dort Infos abrufe, dann ist das für mich wie ein Buch lesen. Während des Studium habe ich gelernt, das es nicht wichtig ist das man alles weiß, sondern das man weiß wo man die Informationen findet die man braucht.
Was mir nur gerade in den letzten Jahren auffällt, ist dieses große, fast nicht zu sättigende Kommunikationsbedürfnis. Es wird gechatet was das Zeug hält, aber es wurde noch nie so wenig gesagt.
Es wird geredet und geredet. Da ich weiß das wir alle Geist sind, die immer miteinander verbunden sind und deswegen auch immer kommunizieren und sich austauschen, ist dieses Phänomen des immer und berall erreichbar sein wollen (müssen), wohl die weltliche Variante, die uns aber von der Wahrheit abhält, nach Innen zu gehen, dort das Gespräch zu führen und die Antwort zu erhalten.
Alles Ego, oder was?!
Ihr Lieben,
vielen Dank für Eure wunderbaren Kommentare. Es sind wirklich sehr interessante Wahrnehmungen in Euren Worten.
Ich bin happy, solche Leser wie Euch hier im Blog zu haben!
Danke schööön!
Frank